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NAMUR NE 43

NAMUR NE 43

Vereinheitlichung des Signalpegels zur Fehlerinformation von Messumformern

NAMUR NE 43 ist die De-facto-Industrieempfehlung, die standardisiert, wie ein 4-20-mA-Messumformer seinen Diagnosezustand signalisiert. Außerbereichsströme (< 3,6 mA, > 21 mA) kommunizieren einen Sensorfehler, anstatt dass der Messumformer still innerhalb des normalen Bereichs ausfällt.

Dokumentstruktur

NAMUR NE 43

Vereinheitlichung des Signalpegels zur Fehlerinformation von digitalen Messumformern mit analogem Ausgangssignal

Definiert die Verwendung des 4-20-mA-Strombereichs zur Kommunikation des Messwerts sowie der Außerbereichsbänder zur Kommunikation des Sensor-Diagnosezustands. Einteilige Empfehlung.

Schlüsselbegriffe

NAMUR
Interessengemeinschaft Automatisierungstechnik der Prozessindustrie — ein deutsches Industrieverband (Bayer, BASF, Evonik, Henkel usw.), der 'Empfehlungen' (NE = NAMUR-Empfehlungen) und 'Arbeitsblätter' (NA) veröffentlicht. NAMUR ist kein Normungsgremium, aber seine Empfehlungen werden von Prozessindustrie-Anbietern so weit übernommen, dass sie De-facto-Status haben.
Fehlersignalband
Ströme unter 3,6 mA oder über 21 mA sind für die Diagnose-Fehleranzeige reserviert, NICHT für Messwerte. Das Leitsystem liest sie als 'Sensor offline / ausgefallen' statt 'Messung = 0' oder 'Messung = Vollausschlag'.
Unterbereich / Überbereich
3,6-4,0 mA zeigt an, dass die Messung unterhalb des konfigurierten Bereichsminimums liegt (untere Sättigung). 20,0-21,0 mA zeigt an, dass die Messung oberhalb des Bereichsmaximums liegt (obere Sättigung). Der Messumformer ist funktionsfähig, aber der Prozess liegt außerhalb des Messfensters.
Standardisierte Diagnosebänder
Leitungsbruch / Sensorfehler (niedrig): I < 3,6 mA. Leitungsbruch / Sensorfehler (hoch): I > 21 mA. Unterbereich: 3,6-4,0 mA. Normalbetrieb: 4,0-20,0 mA. Überbereich: 20,0-21,0 mA.
Standard-Fehlerrichtung
Die meisten Hersteller verwenden als Standard die Niedrigfehlerrichtung (< 3,6 mA, oft 2-3 mA), da sie für viele Steuerlogiken sicherer ist. Einige Anwendungen benötigen die Hochfehlerrichtung (z.B. wenn ein hoch ausfallender Sensor eine sicherheitsgerichtete Abschaltung auslöst). An den meisten Messumformern konfigurierbar.

Notes & guidance

Warum NAMUR NE 43 wichtiger ist als sie aussieht

Eine 4-20-mA-Schleife ist seit den 1970er Jahren das Arbeitstier der industriellen Instrumentierung. Linear, einfach, sehr günstig zu verkabeln. Aber sie hat einen entscheidenden Fehler: Wenn der Sensor ausfällt und 0 mA ausgibt (Leitungsbruch) oder 20 mA (Sensor auf Maximum gesperrt), hat das Leitsystem keine Möglichkeit zu unterscheiden zwischen “Sensor ausgefallen” und “Prozessgröße ist am Extremwert des Bereichs”.

Ein Druckmessumformer an einer Dampfleitung, der hoch ausfällt (20 mA), würde vom DCS als “Druck ist bei Skalierungsmaximum” interpretiert — eine Alarmbedingung, Bediener benachrichtigt. Aber ein Druckmessumformer, der niedrig ausfällt (0 mA), würde als “Druck ist null” interpretiert — eine normal aussehende Messung, kein Alarm, der Bediener weiß nicht, dass der Schutz offline ist.

Dieser stille Ausfallmodus verursachte Vorfälle. NAMUR NE 43 (1994) behob dies durch Reservierung der Außerbereichsbänder:

mA |  Status                              | Band
---+--------------------------------------+------------------
0  |                                       |
   |  ▓▓▓ Leitungsbruch / Sensorfehler ▓▓▓ |  < 3,6 mA (Fehler NIEDRIG)
3,6|                                       |
   |  ░░░ Unterbereich (untere Sättigung)░░|  3,6 - 4,0 mA
4,0|                                       |
   |                                       |
   |  ■ Normalmessung (4-20 mA)          ■ |  4,0 - 20,0 mA  ← tatsächlicher PV
   |                                       |
20,0|                                      |
   |  ░░░ Überbereich (obere Sättigung) ░░░|  20,0 - 21,0 mA
21,0|                                      |
   |  ▓▓▓ Leitungsbruch / Sensorfehler ▓▓▓ |  > 21 mA (Fehler HOCH)

DCS/PLC sieht einen Strom unter 3,6 mA → weiß, es ist ein Fehler, keine Messung. Geht in den Zustand “SCHLECHTE QUALITÄT” oder “STATUS-FEHLER”. Bediener benachrichtigt. Sicherheitslogik kann sicherheitsgerichtete Maßnahmen ergreifen.

Warum die “NE” (Empfehlung) universell wurde

NAMUR ist technisch gesehen nur ein Anwenderverband. NE 43 ist eine Empfehlung, keine regulatorische Anforderung. Warum also entspricht jeder heute verkaufte Messumformer ihr?

Einkaufsmacht. Die NAMUR-Mitgliedsunternehmen (Bayer, BASF, Evonik, Henkel, Linde usw.) kaufen jährlich Instrumentierung im Wert von Milliarden Euro. Wenn sie kollektiv “muss NAMUR NE 43 entsprechen” in jeden Beschaffungsvertrag schreiben, entspricht jeder Anbieter dem oder verliert das Angebot. Nach ~20 Jahren wurde NE 43 zur De-facto-Spezifikation für jeden seriösen 4-20-mA-Messumformer.

Dies ist die gleiche Dynamik bei NE 21 (EMV), NE 43 (Fehlermelder), NE 53 (Software-Änderungsdokumentation), NE 130 (Kalibrierung / Vorverwendung) usw. Die NAMUR-Empfehlungen definieren effektiv den Mindeststandard für “industrietaugliche” Instrumentierung.

Implementierungsdetails

Auf der Messumformerseite

Jeder moderne intelligente Messumformer hat einen Konfigurationsparameter für die Fehlerrichtung:

  • “Fehler niedrig” (typischer Standard): Bei Diagnosefehler treibt der Ausgang auf ≈ 3,6 mA
  • “Fehler hoch”: Bei Diagnosefehler treibt der Ausgang auf ≈ 22 mA
  • “Letzten Wert halten”: Nicht NE-43-konform, in sicherheitskritischen Schleifen vermeiden

Die Wahl hängt von der sicheren Ausfallrichtung der Sicherheitsfunktion ab. Bei einem Hochdruckauslöser erzwingt “Fehler hoch” den Auslöser auch bei Sensorausfall → sicherheitsgerichtet. Bei einem Niedrigdurchflussauslöser erzwingt “Fehler niedrig” den Auslöser → sicherheitsgerichtet.

Auf der DCS- / Sicherheitslogikseite

Das Leitsystem muss die Diagnosebänder explizit verarbeiten:

WENN Strom < 3,6 mA ODER Strom > 21 mA DANN
   pv_qualitaet = "SCHLECHT"
   alarm = "Sensorfehler an Tag PT-101"
SONST WENN Strom >= 3,6 UND Strom < 4,0 DANN
   pv_qualitaet = "UNSICHER"
   alarm = "PT-101 Unterbereich"
   pv_wert = bereich_min  // sättigen
SONST WENN Strom > 20,0 UND Strom <= 21,0 DANN
   pv_qualitaet = "UNSICHER"
   alarm = "PT-101 Überbereich"
   pv_wert = bereich_max
SONST  // 4,0-20,0
   pv_qualitaet = "GUT"
   pv_wert = skalierung(strom, bereich_min, bereich_max)

Die meisten modernen DCS (Emerson DeltaV, Siemens PCS 7, Honeywell Experion, ABB 800xA, Yokogawa CENTUM) verarbeiten dies nativ, wenn die E/A-Karte auf “NAMUR-Modus” eingestellt ist. Sicherheits-PLCs (Pilz PNOZ, HIMA HIMax, Siemens S7-1500F) erfordern diesen Modus typischerweise in der Sicherheits-E/A-Konfiguration.

Begleitende NAMUR-Empfehlungen, die man kennen sollte

  • NE 21: EMV-Anforderungen für Prozessinstrumentierung
  • NE 31: Test und Qualifizierung von Anlagenkommunikationssystemen
  • NE 53: Software-Änderungsdokumentation für Feldgeräte (die bekannte Versionsverfolgungsanforderung)
  • NE 79: Funktionale Sicherheit in der Prozesssteuerung — Prozessindustrie-Interpretation von IEC 61511
  • NE 107: Selbstüberwachung und Diagnose von Feldgeräten (erweitert NE 43 auf Statusflags über HART / Fieldbus)
  • NE 130: Funktionale Zuverlässigkeit und Asset-Management für Feldgeräte (Vorverwendungsstatistiken)

Anwendung in unserem Rechner

Der 4-20-mA-Skalierungsrechner implementiert die NAMUR-NE-43-Bänder: Wenn Sie einen Stromwert eingeben, zeigt der Rechner den entsprechenden Diagnosestatus neben dem skalierten Ingenieurswert an.

Für Schwingungsgabel-Frequenzsensoren vom Typ Liquiphant siehe auch NAMUR-Frequenzstatus, das dieselbe Diagnoselogik auf Frequenzausgänge anwendet.

Betroffene Branchen

  • Prozessindustrien (Öl & Gas, Chemie, Pharma)
  • Energieerzeugung (Kessel, Turbinen, BOP)
  • Zellstoff und Papier
  • Lebensmittel und Getränke
  • Wasser und Abwasser

Referenzen & Vertiefung