Warum das Inspektionsregime eine gesetzliche Pflicht ist
Eine explosionsgeschützte Anlage, die im Jahr 0 korrekt geplant und errichtet wurde, verschlechtert sich über die Jahre:
- Schrauben lockern sich durch thermische Wechselbelastung
- Dichtungen verhärten und reißen
- Kabelverschraubungen altern, verlieren Dichtwirkung
- Lack blättert ab, Korrosion beginnt
- Änderungen erfolgen im Feld (jemand entfernt einen Blindstopfen für “vorübergehende” Arbeiten und vergisst, ihn zu ersetzen)
- Neue Betriebsmittel werden hinzugefügt ohne ordnungsgemäße Zertifizierungsprüfung
Ohne ein diszipliniertes Inspektionsregime driftet die zertifizierte Anlage still in die Nichtkonformität. IEC 60079-17 + ATEX 99/92/EG machen dieses Regime zur gesetzlichen Pflicht des Betreibers.
Das Fehlen von Prüfnachweisen gehört zu den am leichtesten feststellbaren Nichtkonformitäten für eine zuständige Behörde (das Prüfregister ist das erste Dokument, das sie anfordert).
Die drei Prüfstufen
| Stufe | Was | Wer | Wann |
|---|
| Sichtprüfung | Kurze Kontrolle: Vorhandensein, keine offensichtlichen Schäden, Abdeckungen vorhanden, Blindstopfen vorhanden | Geschultes Betriebspersonal | Monatlich bis vierteljährlich |
| Nahprüfung | Detaillierte Prüfung ohne Demontage: Drehmoment, Verschraubungsdichtheit, Verbindungskontinuität, IS-Stromkreisdoks | Ex-kompetente Person | Jährlich |
| Detailprüfung | Gehäuse öffnen, interne Prüfung, Flammendurchschlagmessung, Isolationsprüfung, Komponentenzustand | Ex-Spezialist (TÜV / zertifizierter Prüfer) | 3-6 Jahre |
Ein typisches Jahr für einen Raffinerieabschnitt könnte so aussehen:
- Vierteljährliche Sichtprüfung durch Betrieb an jedem Gerät
- Jährliche Nahprüfung an kritischen Geräten, abwechselnd mit nicht-kritischen
- Detailprüfung alle 3 Jahre für Offshore-/Korrosionsumgebungen, alle 6 Jahre für milde Innenraumumgebungen
Prüftabellen — was bei jeder Schutzart zu prüfen ist
Jede Schutzart hat ihre eigene Prüfliste in der Norm. Einige Highlights:
Ex d (Druckfeste Kapselung)
- Alle Schrauben vorhanden und drehmomentfest (lose Schraube = Flamme kann entweichen)
- Kein Lack oder Verschmutzung auf Flanschflächen (würde Flammenlöschung verhindern)
- Kabelverschraubungen zertifizierter Typ, korrekt installiert
- Blindstopfen in ungenutzten Einträgen
- Flammendurchschlagmaße innerhalb der Toleranz (nur bei Detailprüfung)
Ex e (Erhöhte Sicherheit)
- Schutzart erhalten (keine Öffnungen, keine beschädigten Dichtungen)
- Klemmenschraubendrehmoment (lose Verbindung = Erwärmungsrisiko)
- Isolationsabstände eingehalten
- Kabeleintrittsabdichtungen intakt
Ex i (Eigensicherheit)
- IS-Stromkreisdokumentation aktuell und entspricht der Installation
- Barrieren / Trenner korrekt und funktionsfähig
- IS-Kabel getrennt (keine Vermischung mit Nicht-IS-Kabeln auf derselben Pritsche)
- Erdung der IS-Barrieren (Zener-Typ) niederohmig gegen PE
- Keine unautorisierten Änderungen
Ex p (Überdruckkapselung)
- Spülzyklus funktioniert (Druck erreicht und gehalten)
- Druckverlust-Alarm funktioniert
- Kühlluftversorgung sauber und unverschmutzt
Ein typischer Protokolleintrag:
Betriebsmittel: Drucktransmitter PT-101
Zone: 1 (Gas, IIB, T3)
Typ: Ex ia IIC T4 Ga
Prüfstufe: Nah (jährlich)
Datum / Prüfer: 2026-05-12 / J. Müller (TÜV-zertifizierter Ex-Prüfer)
Befunde:
- Kennzeichnung lesbar: JA
- Kabelverschraubungsdichtheit: OK
- IS-Stromkreisdokument: aktuell, entspricht Installation
- Verbindungstest: 0,2 Ohm zu lokalem PE OK
- Sichtbare Schäden: leichte Kratzer, keine funktionalen Auswirkungen
- IS-Barriere in Schaltschrank C-101: OK, keine Alarmhistorie
Nichtkonformitäten: KEINE
Maßnahmen: KEINE
Nächste Prüfung fällig: 2027-05
Eine Anlage mit 5000 Ex-Geräten generiert jährlich Tausende dieser Protokolle. Ohne einen CMMS-gestützten Arbeitsablauf wird der Dokumentationsaufwand unbeherrschbar.
Kompetenzanforderungen
Die Norm adressiert ausdrücklich wer welche Prüfstufe durchführen darf. Moderne Best Practice:
- Betriebstechniker: Schulung zum Ex-Bewusstsein (1-tägige Schulung) → können Sichtprüfungen durchführen
- Wartungstechniker: 3-tägige Ex-Grundausbildung → können Nahprüfungen unter Aufsicht durchführen
- Ex-kompetente Personen: 5-tägige umfassende Ex-Schulung + Prüfung → können Nahprüfungen eigenständig durchführen
- Ex-Spezialisten: Vertiefende Schulung + Zertifizierung durch anerkannte Stelle (TÜV, IECEx CoPC-Programm) → erforderlich für Detailprüfungen, Änderungsplanung, Zoneneinteilungsüberprüfung
Ohne dokumentierte Kompetenz sind Prüfprotokolle nicht glaubwürdig. Moderne Audits prüfen genau die Schulungsnachweise der namentlich genannten Prüfer.