Warum Eigensicherheit die Instrumentierung dominiert
In einer Raffinerie findet man Ex d-Motoren (druckfest), Ex e-Klemmenkästen (erhöhte Sicherheit), Ex p-Steuerschränke (Überdruckkapselung) — aber die große Mehrheit der Instrumentierung (Tausende von Drucktransmittern, Niveauschaltern, Thermoelementen, Durchflussmessern) verwendet Ex ia/ib-Eigensicherheit. Warum?
- Kosten: Ein Ex ia-Transmitter ist typischerweise 20-40 % günstiger als sein Ex d-Äquivalent (kein schweres druckfestes Gehäuse)
- Arbeiten unter Spannung: Ex ia-Geräte können unter Spannung kalibriert, ausgetauscht oder gewartet werden — ohne Genehmigung — die Energie ist bereits zu gering zum Zünden. Ex d erfordert Abschalten des Stromkreises und Gasfreiheitsprüfung vor dem Öffnen.
- Kompatibilität mit 4-20-mA-Stromkreisen: Der dominierende industrielle Signalstandard passt von Natur aus in IS-Grenzen (schleifengespeist 24 V, < 25 mA max. auch im Fehlerfall)
- Feldbus: FISCO vereinfacht Mehrgeräte-Feldbussegmente
- Kleinere Kabelverschraubungen, leichtere Installation, einfachere Wartung
Der Nachteil: Ex i ist leistungsbegrenzt. Man kann keinen 5-kW-Motor mit IS betreiben — dafür braucht man Ex d oder Ex e. IS gilt nur für Niedrigleistungskreise (typisch < 1 W pro Stromkreis).
Die drei Stufen
| Stufe | Fehlertoleranz | Zonenverwendbarkeit | EPL | Anwendungsfall |
|---|
| Ex ia | 2 Fehler | Zone 0/1/2 | Ga | Im Tankinneren, um Entlüftungen (strengste Anforderungen) |
| Ex ib | 1 Fehler | Zone 1/2 | Gb | Um Prozessanlagen im Normalbetrieb |
| Ex ic | 0 Fehler | Nur Zone 2 | Gc | Außeninstrumentierung, gelegentliches Risiko |
Die meisten Anlagen standardisieren auf Ex ia, da der Kostenunterschied gegenüber ib/ic gering ist und die zusätzliche Flexibilität (jede Zone einschließlich Zone 0) es wert ist. Ex ic existiert für kostenempfindliche Zone-2-Installationen, ist aber weniger verbreitet.
Der Entity-Parameter-Abgleich
Beim Verdrahten eines Transmitters an eine Barriere (oder einen galvanischen Trenner) muss der Stromkreis entity-sicher sein:
Transmitter (Feldseite) Barriere (sichere Seite)
───────────────────────── ──────────────────────────
Ui = max. Spannung ≥ Uo = max. Ausgangsspannung Barriere
Ii = max. Strom ≥ Io = max. Ausgangsstrom Barriere
Pi = max. Leistung ≥ Po = max. Ausgangsleistung Barriere
Ci + Cc ≤ Co (Ci Gerät + Cc Kabel ≤ zulässige Kapazität Barriere)
Li + Lc ≤ Lo (Li Gerät + Lc Kabel ≤ zulässige Induktivität Barriere)
Dabei sind Cc und Lc die Kabelbeiträge (ca. 100 pF/m für typisches IS-Kabel, ca. 1 µH/m). Bei einem 200-m-Kabel sind das 20 nF + 0,2 mH — in der Regel weit innerhalb der Barrierentoleranz.
Wenn ein Parameter den Grenzwert überschreitet, ist der Stromkreis nicht eigensicher und muss neu konstruiert werden (andere Barriere, kürzeres Kabel, anderer Transmitter oder Abstufung auf Ex ib akzeptieren).
Zener-Barriere oder galvanischer Trenner
Zwei Gerätetypen bieten die Schnittstelle auf der sicheren Seite:
Zener-Barriere: Passives Gerät mit Zener-Dioden, Schnellsicherungen und Widerständen. Begrenzt Uo/Io durch Begrenzung. Vorteile: günstig (~50 €), keine Spannungsversorgung erforderlich. Nachteile: erfordert saubere Potentialausgleichsverbindung zwischen Erde im Ex-Bereich und Erde im sicheren Bereich (sonst Erdschleifen). Einzelner Fehlerpunkt, wenn PE unterbrochen wird.
Galvanischer Trenner: Aktives Gerät mit internem Trenntransformator oder Optokoppler. Vorteile: KEINE Erdabhängigkeit, höhere Zuverlässigkeit, oft mit Signalumwandlung (4-20 mA Ein/4-20 mA Aus oder HART-transparent). Nachteile: teurer (~150-300 €), Spannungsversorgung erforderlich.
Bei Neuanlagen werden galvanische Trenner zunehmend bevorzugt, da die Erdungsanforderungen schwieriger zu warten sind und Trenner bessere Diagnosen bieten (einige melden Kurzschluss/Leitungsbruch an das Leitsystem).
FISCO — der Durchbruch für Feldbus
Vor FISCO (eingeführt 1999) erforderte jedes IS-Feldbussegment individuelle Entity-Parameter-Berechnungen für jedes hinzugefügte Gerät. Das Hinzufügen oder Verschieben eines Transmitters war ein Verwaltungsaufwand.
FISCO definiert standardisierte Stammparameter: Wenn Ihr Feldbussegment + Spannungsversorgung + Kabel + Abzweigungen alle der FISCO-Norm entsprechen, können beliebig viele FISCO-zertifizierte Geräte ohne Neuberechnung hinzugefügt werden. Nur den Gesamtstrom prüfen und fertig.
Dies vereinfachte Foundation Fieldbus / PROFIBUS PA-Installationen in Ex-Umgebungen erheblich. Heute basieren die meisten IS-Feldbusinstallationen auf FISCO.
Gängige Installationsmuster
Muster 1: Punkt-zu-Punkt-IS-Stromkreis
[Transmitter Ex ia] ────IS-Kabel─── [Zener-Barriere oder Trenner] ─── [LSR E/A]
Zone 1 Schaltschrank sichere Seite Sichere Seite
Muster 2: Multi-Drop HART über IS
[Tx1] [Tx2] [Tx3] ─IS-Kabel── [Multi-Drop-Barriere] ── [HART-Multiplexer] ─ LSR
Jeder in Zone 1 Sichere Seite Sichere Seite
Muster 3: FISCO-Feldbussegment
[Gerät 1 Ex ia] [Gerät 2 Ex ia] ... [Gerät N Ex ia]
│ │ │
└──── FISCO-Stammkabel + Spannungsversorgung ──── Sichere Seite
(bis zu ~16 Geräte pro Segment in typischer Ex i-Implementierung)
Neuerungen in der Ausgabe 2023
Ausgabe 7 (2023) bringt:
- Aktualisierte Zündkurven mit besseren Daten für Wasserstoff und Ammoniak (Energiewende-Kraftstoffe)
- Klärung der Behandlung von Betriebsmitteln mit gemischten Schutzmethoden (Ex eb [ia]-Kombinationen)
- Bessere Wireless/HF-Hinweise für IS in Kombination mit eingebetteten Funkanlagen (Bluetooth Low Energy, LoRaWAN)
- Aktualisierte Entity-Parameter-Konventionen für Festkörperisolatorchips
Für die HART-Kommunikation über IS-Stromkreise erkennt die Norm jetzt ausdrücklich das HART-Signal als inhärent im Träger an, ohne separate Zertifizierung zu erfordern.
Verbindung zu unseren Werkzeugen
Der 4-20-mA-Skalierungsrechner übernimmt die Signal-/Messwert-Mathematik von IS-Stromkreisen einschließlich der NAMUR NE 43-Diagnosebänder. Der NAMUR-Frequenzstatus behandelt Vibrations-Grenzstandschalter, die typischerweise als Ex ia in Zone 0/1 eingesetzt werden.
Zukünftige Arbeit: Ein Ex-Kennzeichnungsdecoder-Werkzeug + ein Entity-Parameter-Prüfwerkzeug würden sich natürlich in unsere Kategorie /tools/instrumentation/ einfügen.