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IEC 60079-11

IEC 60079-11

Geräteschutz durch Eigensicherheit 'i'

IEC 60079-11 legt die Konstruktion und Beurteilung von eigensicheren elektrischen Betriebsmitteln für den Einsatz in explosionsgefährdeten Bereichen fest. Eigensicherheit (Ex i) ist die dominierende Schutzart für die Instrumentierung — sie begrenzt die elektrische Energie und die Oberflächentemperatur so, dass weder ein Funke noch eine heiße Oberfläche die umgebende Atmosphäre entzünden kann.

Dokumentstruktur

IEC 60079-11:2023

Geräteschutz durch Eigensicherheit 'i'

Einzeldokument. Legt die drei IS-Stufen (ia, ib, ic), die Entity-Parameter (Ui, Ii, Pi, Ci, Li), Prüfanforderungen, Beurteilungsverfahren und die Regeln für die Kombination von Komponenten zu eigensicheren Systemen fest (für vollständige Systemstromkreise wird auf IEC 60079-25 verwiesen).

Schlüsselbegriffe

Prinzip der Eigensicherheit
Begrenzung der elektrischen Energie UND der Oberflächentemperatur von Betriebsmitteln, sodass kein Funke (im Normalbetrieb ODER bei festgelegten Fehlerbedingungen) das umgebende Gas entzünden kann UND keine heiße Stelle die Zündtemperatur des Gases erreicht. Ergebnis: sicher auch bei vorhandenem Gas, auch bei internen Fehlern.
Ex ia
Höchste IS-Stufe. Das Betriebsmittel bleibt sicher bei bis zu ZWEI unabhängigen angewandten Fehlern. Geeignet für Zone 0 (kontinuierlich explosionsfähige Atmosphäre). EPL Ga.
Ex ib
Mittlere IS-Stufe. Betriebsmittel sicher bei EINEM Fehler. Geeignet für Zone 1 (gelegentlich explosionsfähige Atmosphäre). EPL Gb.
Ex ic
Grundlegende IS-Stufe. Betriebsmittel sicher im Normalbetrieb, keine Fehlertoleranz. Geeignet nur für Zone 2 (selten explosionsfähige Atmosphäre). EPL Gc. Weniger strenge Prüfanforderungen.
Entity-Parameter
Jedes IS-Gerät hat 5 Parameter, die beim Kombinieren von Geräten ÜBEREINSTIMMEN müssen: Ui (max. Eingangsspannung), Ii (max. Eingangsstrom), Pi (max. Eingangsleistung), Ci (innere Kapazität), Li (innere Induktivität). Die Uo/Io/Po/Co/Lo-Parameter der Barriere/des Trenners müssen diese Grenzwerte einhalten.
FISCO und FNICO
Spezialisierte IS-Varianten für Feldbussegmente (Foundation Fieldbus, PROFIBUS PA). FISCO vereinfacht den Systementwurf durch vordefinierte Stammparameter (Uo, Io). Ermöglicht mehrere Geräte auf einem IS-Stamm ohne Neuberechnung pro Gerät.
Einfaches Betriebsmittel
Geräte wie Thermoelemente, Schalter, RTD, die keine elektrische Energie speichern und keine formale Zertifizierung benötigen (Klausel 5.7). Können ohne Ex-Zertifikat in IS-Stromkreisen eingesetzt werden. Spart Kosten bei einfachen Sensoren.
Zündkurve
Die empirische Beziehung zwischen Strom, Spannung, Induktivität und minimaler Zündenergie durch Funken. Die Ex i-Mathematik läuft darauf hinaus, unter allen glaubhaften Fehlerbedingungen unterhalb dieser Kurve zu bleiben. Die Norm liefert Anhänge mit Kurven für jede Gasgruppe.

Notes & guidance

Warum Eigensicherheit die Instrumentierung dominiert

In einer Raffinerie findet man Ex d-Motoren (druckfest), Ex e-Klemmenkästen (erhöhte Sicherheit), Ex p-Steuerschränke (Überdruckkapselung) — aber die große Mehrheit der Instrumentierung (Tausende von Drucktransmittern, Niveauschaltern, Thermoelementen, Durchflussmessern) verwendet Ex ia/ib-Eigensicherheit. Warum?

  1. Kosten: Ein Ex ia-Transmitter ist typischerweise 20-40 % günstiger als sein Ex d-Äquivalent (kein schweres druckfestes Gehäuse)
  2. Arbeiten unter Spannung: Ex ia-Geräte können unter Spannung kalibriert, ausgetauscht oder gewartet werden — ohne Genehmigung — die Energie ist bereits zu gering zum Zünden. Ex d erfordert Abschalten des Stromkreises und Gasfreiheitsprüfung vor dem Öffnen.
  3. Kompatibilität mit 4-20-mA-Stromkreisen: Der dominierende industrielle Signalstandard passt von Natur aus in IS-Grenzen (schleifengespeist 24 V, < 25 mA max. auch im Fehlerfall)
  4. Feldbus: FISCO vereinfacht Mehrgeräte-Feldbussegmente
  5. Kleinere Kabelverschraubungen, leichtere Installation, einfachere Wartung

Der Nachteil: Ex i ist leistungsbegrenzt. Man kann keinen 5-kW-Motor mit IS betreiben — dafür braucht man Ex d oder Ex e. IS gilt nur für Niedrigleistungskreise (typisch < 1 W pro Stromkreis).

Die drei Stufen

StufeFehlertoleranzZonenverwendbarkeitEPLAnwendungsfall
Ex ia2 FehlerZone 0/1/2GaIm Tankinneren, um Entlüftungen (strengste Anforderungen)
Ex ib1 FehlerZone 1/2GbUm Prozessanlagen im Normalbetrieb
Ex ic0 FehlerNur Zone 2GcAußeninstrumentierung, gelegentliches Risiko

Die meisten Anlagen standardisieren auf Ex ia, da der Kostenunterschied gegenüber ib/ic gering ist und die zusätzliche Flexibilität (jede Zone einschließlich Zone 0) es wert ist. Ex ic existiert für kostenempfindliche Zone-2-Installationen, ist aber weniger verbreitet.

Der Entity-Parameter-Abgleich

Beim Verdrahten eines Transmitters an eine Barriere (oder einen galvanischen Trenner) muss der Stromkreis entity-sicher sein:

Transmitter (Feldseite)               Barriere (sichere Seite)
─────────────────────────             ──────────────────────────
Ui = max. Spannung       ≥   Uo = max. Ausgangsspannung Barriere
Ii = max. Strom          ≥   Io = max. Ausgangsstrom Barriere
Pi = max. Leistung       ≥   Po = max. Ausgangsleistung Barriere
Ci + Cc ≤ Co         (Ci Gerät + Cc Kabel ≤ zulässige Kapazität Barriere)
Li + Lc ≤ Lo         (Li Gerät + Lc Kabel ≤ zulässige Induktivität Barriere)

Dabei sind Cc und Lc die Kabelbeiträge (ca. 100 pF/m für typisches IS-Kabel, ca. 1 µH/m). Bei einem 200-m-Kabel sind das 20 nF + 0,2 mH — in der Regel weit innerhalb der Barrierentoleranz.

Wenn ein Parameter den Grenzwert überschreitet, ist der Stromkreis nicht eigensicher und muss neu konstruiert werden (andere Barriere, kürzeres Kabel, anderer Transmitter oder Abstufung auf Ex ib akzeptieren).

Zener-Barriere oder galvanischer Trenner

Zwei Gerätetypen bieten die Schnittstelle auf der sicheren Seite:

Zener-Barriere: Passives Gerät mit Zener-Dioden, Schnellsicherungen und Widerständen. Begrenzt Uo/Io durch Begrenzung. Vorteile: günstig (~50 €), keine Spannungsversorgung erforderlich. Nachteile: erfordert saubere Potentialausgleichsverbindung zwischen Erde im Ex-Bereich und Erde im sicheren Bereich (sonst Erdschleifen). Einzelner Fehlerpunkt, wenn PE unterbrochen wird.

Galvanischer Trenner: Aktives Gerät mit internem Trenntransformator oder Optokoppler. Vorteile: KEINE Erdabhängigkeit, höhere Zuverlässigkeit, oft mit Signalumwandlung (4-20 mA Ein/4-20 mA Aus oder HART-transparent). Nachteile: teurer (~150-300 €), Spannungsversorgung erforderlich.

Bei Neuanlagen werden galvanische Trenner zunehmend bevorzugt, da die Erdungsanforderungen schwieriger zu warten sind und Trenner bessere Diagnosen bieten (einige melden Kurzschluss/Leitungsbruch an das Leitsystem).

FISCO — der Durchbruch für Feldbus

Vor FISCO (eingeführt 1999) erforderte jedes IS-Feldbussegment individuelle Entity-Parameter-Berechnungen für jedes hinzugefügte Gerät. Das Hinzufügen oder Verschieben eines Transmitters war ein Verwaltungsaufwand.

FISCO definiert standardisierte Stammparameter: Wenn Ihr Feldbussegment + Spannungsversorgung + Kabel + Abzweigungen alle der FISCO-Norm entsprechen, können beliebig viele FISCO-zertifizierte Geräte ohne Neuberechnung hinzugefügt werden. Nur den Gesamtstrom prüfen und fertig.

Dies vereinfachte Foundation Fieldbus / PROFIBUS PA-Installationen in Ex-Umgebungen erheblich. Heute basieren die meisten IS-Feldbusinstallationen auf FISCO.

Gängige Installationsmuster

Muster 1: Punkt-zu-Punkt-IS-Stromkreis

[Transmitter Ex ia] ────IS-Kabel─── [Zener-Barriere oder Trenner] ─── [LSR E/A]
        Zone 1                       Schaltschrank sichere Seite    Sichere Seite

Muster 2: Multi-Drop HART über IS

[Tx1] [Tx2] [Tx3]   ─IS-Kabel── [Multi-Drop-Barriere] ── [HART-Multiplexer] ─ LSR
   Jeder in Zone 1               Sichere Seite               Sichere Seite

Muster 3: FISCO-Feldbussegment

[Gerät 1 Ex ia] [Gerät 2 Ex ia] ... [Gerät N Ex ia]
       │                │                    │
       └──── FISCO-Stammkabel + Spannungsversorgung ──── Sichere Seite
       (bis zu ~16 Geräte pro Segment in typischer Ex i-Implementierung)

Neuerungen in der Ausgabe 2023

Ausgabe 7 (2023) bringt:

  • Aktualisierte Zündkurven mit besseren Daten für Wasserstoff und Ammoniak (Energiewende-Kraftstoffe)
  • Klärung der Behandlung von Betriebsmitteln mit gemischten Schutzmethoden (Ex eb [ia]-Kombinationen)
  • Bessere Wireless/HF-Hinweise für IS in Kombination mit eingebetteten Funkanlagen (Bluetooth Low Energy, LoRaWAN)
  • Aktualisierte Entity-Parameter-Konventionen für Festkörperisolatorchips

Für die HART-Kommunikation über IS-Stromkreise erkennt die Norm jetzt ausdrücklich das HART-Signal als inhärent im Träger an, ohne separate Zertifizierung zu erfordern.

Verbindung zu unseren Werkzeugen

Der 4-20-mA-Skalierungsrechner übernimmt die Signal-/Messwert-Mathematik von IS-Stromkreisen einschließlich der NAMUR NE 43-Diagnosebänder. Der NAMUR-Frequenzstatus behandelt Vibrations-Grenzstandschalter, die typischerweise als Ex ia in Zone 0/1 eingesetzt werden.

Zukünftige Arbeit: Ein Ex-Kennzeichnungsdecoder-Werkzeug + ein Entity-Parameter-Prüfwerkzeug würden sich natürlich in unsere Kategorie /tools/instrumentation/ einfügen.

Betroffene Branchen

  • Prozessindustrie (Instrumentierung überall)
  • Öl und Gas (Offshore-Plattformen, Raffinerien)
  • Pharmazeutische Industrie (Lösungsmittelhandhabungsbereiche)
  • Chemie (Reaktorinstrumentierung)
  • Lebensmittel und Getränke (Lösungsmittelextraktion)

Referenzen & Vertiefung