Energieeffizienz: das erste Einsparpotenzial
Bevor die Industrie Energie anders erzeugt, kann sie vor allem weniger verbrauchen. Hilfsenergien, Motoren, Abwärme: das Einsparpotenzial ist riesig, zugänglich und wirtschaftlich — sofern man es misst.
Die günstigste Energie ist die, die man nicht verbraucht
Angesichts steigender Preise und der Klimadringlichkeit denkt man zuerst daran, Energie anders zu erzeugen. Es gibt jedoch einen schnelleren, günstigeren Hebel ohne Reue: weniger davon für dieselbe Leistung zu verbrauchen. Das ist Energieeffizienz. Eine eingesparte kWh kostet nichts in der Erzeugung, stößt kein CO₂ aus und nutzt kein Equipment ab. Sie ist der erste Schritt, vor jeder Investition in die Erzeugung.
Wo sich die Verluste verstecken
Die Potenziale sind von Werk zu Werk fast immer dieselben:
- die Elektromotoren, ~70 % des industriellen Stromverbrauchs, oft überdimensioniert und ohne Frequenzumrichter — ein Umrichter an einer Pumpe oder einem Ventilator spart üblicherweise 20 bis 50 %;
- die Druckluft, belastet durch Leckagen und schlechten Wirkungsgrad;
- der Dampf, mit defekten Kondensatableitern und fehlender Dämmung;
- die Abwärme: die in die Atmosphäre abgegebene Wärmeenergie — Rauchgase, Kondensat, Warmwasser — die man zur Vorwärmung eines eintretenden Stroms zurückgewinnen könnte.
Die Hierarchie der Maßnahmen
Es gibt eine vernünftige Reihenfolge. Zuerst den unnötigen Bedarf beseitigen: abschalten, was umsonst läuft, Leckagen jagen. Dann einstellen: die Motordrehzahl an die reale Last anpassen, einen Netzdruck senken. Dann zurückgewinnen: die Abwärme nutzen. Erst danach in leistungsfähigere Anlagen investieren. Man beginnt stets mit den kostenlosen oder schnellen Maßnahmen vor den großen Projekten.
Rechenbeispiel: 300 kW Abwärme aus Rauchgasen zurückzugewinnen, 6.000 h/Jahr, ersetzt ~1,8 GWh/Jahr Gas; bei 0,06 €/kWh sind das ~108.000 €/Jahr, bei einem Tauscher, der sich oft in 2 bis 3 Jahren amortisiert.
Messen, um zu steuern: ISO 50001 und der EnPI
Man steuert nur, was man misst. Die Norm ISO 50001 strukturiert ein Energiemanagementsystem: eine Ausgangsbasis festlegen, energiebezogene Leistungskennzahlen (EnPI) definieren, Ziele setzen und Fortschritte prüfen. Ohne diese Messung „schmelzen” Einsparungen mit der Zeit, gute Einstellungen verlieren sich und niemand bemerkt es. In Europa schreibt die Energieeffizienz-Richtlinie (EED) zudem Audits für große Unternehmen vor.
Der Klima-Zusatznutzen und die Amortisation
Jede Effizienzmaßnahme hat eine doppelte Wirkung: Sie senkt die Rechnung (OPEX) und die Emissionen, ohne den Prozess zu ändern. Viele Maßnahmen haben eine Amortisation von wenigen Monaten bis zwei Jahren, und einige werden durch Energieeinsparzertifikate (CEE) gefördert. Deshalb ist Effizienz immer der erste Schritt eines Dekarbonisierungsfahrplans: der günstigste, der sicherste, der, mit dem alles beginnt.