Der Kontext — die ATEX-Betriebsanleitung, die eine MSR-Einrichtung fordert

Immer mehr ATEX-Betriebsanleitungen von Geräten (Vakuumpumpen, Verdichter, Motoren in der Zone) fordern eine instrumentierte Schutzmaßnahme. Typischer, dokumentierter Fall: die Anleitung verlangt eine Temperaturüberwachung des Gerätekörpers, verbunden mit einer Verriegelung, die die Maschine stoppt, sobald ein Grenzwert erreicht ist — etwa Auslösung bei 100 °C, Vorwarnung bei 90 °C, weil darüber die heiße Oberfläche zur Zündquelle werden könnte.

In genau diesem Moment kippt etwas. Solange der Explosionsschutz konstruktiv ist (Zoneneinteilung, Zündschutzart Ex d/e/i…), gehört er zum reinen ATEX. Doch sobald eine instrumentierte Funktion — Sensor → Logik → Aktor — die Barriere ist, die die Zündung verhindert, betritt sie das Feld der funktionalen Sicherheit. Und eine Sicherheitsfunktion muss eingestuft, ausgelegt und nachgewiesen werden: sie erhält einen SIL.

Das Prinzip: die MSR-Schutzeinrichtung

Der Begriff ist präzise: MSR-Schutzeinrichtung — eine Einrichtung der Mess-, Steuer- und Regeltechnik, die als Schutzmaßnahme dient. Wenn die Zündquellenanalyse ergibt, dass eine instrumentierte Maßnahme notwendig ist, um die Sicherheit zu erreichen — sei es durch Verhindern der explosionsfähigen Atmosphäre oder durch Unwirksammachen der Zündquelle — ist diese Maßnahme keine bloße betriebliche Verriegelung mehr: sie ist eine vollwertige Sicherheitsfunktion.

Das Schutzziel lautet dann typischerweise: „Vermeidung des Entstehens einer gefährlichen explosionsfähigen Atmosphäre und/oder des Wirksamwerdens von Zündquellen.”

Die zwei normativen Brücken: TRGS 725 und EN 50495

Hier verbindet die Regelsetzung die beiden Welten ausdrücklich.

  • TRGS 725 (deutsche Technische Regel) — „Gefährliche explosionsfähige Atmosphäre — Mess-, Steuer- und Regeleinrichtungen im Rahmen von Explosionsschutzmaßnahmen.” Sie beschreibt, wie eine MSR-Schutzeinrichtung eingestuft wird (per Risikograph), und weist ihr einen SIL sowie eine Klasse zu. Sie ist der Referenztext im deutschsprachigen Raum.
  • EN 50495„Sicherheitseinrichtungen für den sicheren Betrieb von Geräten hinsichtlich Explosionsgefahren.” Auf europäischer Ebene verknüpft sie die geforderte Zuverlässigkeit der Sicherheitseinrichtung mit dem Geräteschutzniveau (EPL): eine SIL-bewertete Sicherheitseinrichtung kann das EPL eines Geräts „anheben”.

Vorgelagert identifiziert die Zündquellenanalyse (IEC 60079-0 für das EPL, IEC 80079-36/-37 für nicht-elektrische Geräte), ob eine instrumentierte Maßnahme nötig ist. Nachgelagert wird die Funktion nach IEC 61511 (Prozess) oder IEC 61508 ausgelegt.

Die Einstufung: vom Risikograph zum SIL

Die Bestimmung wird nicht gewählt, sie wird berechnet. Der Risikograph der TRGS 725 geht von Startwerten aus (Schwere S, Häufigkeit/Wahrscheinlichkeit W) und führt zu einem SIL (für diese Art Maßnahme meist SIL 1 oder 2) und zu einer Klasse der MSR-Schutzeinrichtung. In der Praxis kommt eine Funktion „Übertemperatur → Stopp” dieser Art häufig auf SIL 1: das zu deckende Restrisiko ist real, aber moderat, und eine einzige instrumentierte Funktion genügt, um es auf das tolerierbare Niveau zu bringen.

Die typische Funktion: Übertemperatur → Safe Torque Off

Das häufigste konkrete Schema veranschaulicht die Brücke perfekt. Eine Temperaturmessung überschreitet ihren Hoch-Hoch-Grenzwert; über das sicherheitsinstrumentierte System (SIS) befiehlt sie den sicheren Halt des Motors per Safe Torque Off (STO) des Frequenzumrichters — das Drehmoment wird sicher abgeschaltet, das Gerät kann sich nicht mehr erhitzen oder zur Zündquelle werden.

Zwei prägende Punkte, direkt aus IEC 61511 übernommen:

  • Trennung Leiten / Schützen. Das BPCS (Leitsystem) darf das Schütz und den Laufbefehl abschalten — dieser Pfad ist jedoch nicht SIL. Die Sicherheitsfunktion wirkt unabhängig über den STO des Umrichters via den Sicherheits-Logiklöser. Leitung und Sicherheit teilen sich die Barriere nicht.
  • Schlanke, nachvollziehbare Architektur. Sensor 1oo1, Aktor 1oo1, Faktor gemeinsamer Ursache berücksichtigt, und eine Reaktionszeit kürzer als die Prozesssicherheitszeit — der Aktor (der STO) ist oft ihr dominanter Beitrag. Umrichter mit zertifiziertem Temperaturschutzmodul und integriertem STO decken diesen Bedarf.

Die Falle: Ex „i” ist kein SIL

Das ist die klassische Verwechslung, und sie gilt auch hier. Ein Ex-ia-Sensor garantiert, dass er keine Zündquelle wird; ein SIL garantiert, dass die Funktion ihre Risikominderung erreicht. Zwei orthogonale Achsen: man kann — und muss oft — einen Ex-ia-Messumformer in einer SIL-1-Schleife haben. Ebenso misst das EPL (Ga/Gb/Gc) die Wahrscheinlichkeit, dass das Gerät zur Zündquelle wird, der SIL die Wahrscheinlichkeit des Funktionsausfalls: gleiche Grammatik der Fehlertoleranz, verschiedene Ereignisse.

Der Lebenszyklus: einstufen, nachweisen, prüfen, dokumentieren

Eine Explosionsschutz-Maßnahme als SIL zu behandeln heißt, sie in den vollständigen IEC-61511-Lebenszyklus zu stellen:

  1. Risiko- und Zündquellenanalyse (das „Warum”).
  2. Einstufung (Risikograph → SIL + Klasse).
  3. Sicherheitsanforderungsspezifikation (SRS): Grenzwerte, Reaktionszeit, sicherer Zustand, Architektur.
  4. SIL-Verifikation (PFD/PFH-Berechnung): nachweisen, dass die Kette den Ziel-SIL erreicht.
  5. Inbetriebnahme (Prüfpläne Sensor / Aktor / Schleife).
  6. Betrieb & Instandhaltung: wiederkehrende Prüfungen, über die Zeit dokumentiert — sie halten den PFD; ohne sie erodiert die Integrität.
  7. SIF-Lebenslauf: Nachvollziehbarkeit der Funktion über ihre gesamte Lebensdauer.

Die zu vermeidenden Fehler

FehlerWarum man ihn machtWarum er gefährlich ist
ATEX und funktionale Sicherheit getrennt behandelnZwei Teams, zwei NormenDie instrumentierte Explosionsschutz-Maßnahme IST eine SIF — sie muss eingestuft und nachgewiesen werden
„Es ist Ex ia, also ist es SIL”Verwechslung der beiden AchsenEx i ≠ SIL; man braucht beide, sie ersetzen sich nicht
Die ATEX-Anleitung des Herstellers ignorieren„Wir kennen unsere Pumpen”Der Hersteller kann eine MSR-Maßnahme vorschreiben; sie wegzulassen hebt die Konformität auf
Den Sicherheitshalt über das BPCS verdrahtenEinen Kanal sparenKeine Unabhängigkeit: Leitung und Sicherheit fallen zusammen
Einmal einstufen, nie prüfen„Bei der Inbetriebnahme lief es”Der PFD driftet; ohne realistische wiederkehrende Prüfung verblasst die Barriere

Die gute Praxis

Die ATEX-Anleitung des Herstellers lesen: wird eine MSR-Schutzmaßnahme gefordert, löst sie den gesamten Prozess aus.

Die Maßnahme per Risikograph (TRGS 725) einstufen und nach IEC 61511 / EN 50495 auslegen.

Den Sicherheitshalt unabhängig vom BPCS umsetzen — typischerweise per STO des Umrichters über den Sicherheits-Logiklöser.

Den SIL per Berechnung (PFD/PFH) nachweisen, inklusive Architektur, β und Prüfintervall. Die Rechner PFD zu SIL und Risikominderung zu SIL helfen bei der Orientierung.

Wiederkehrende Prüfungen planen und einen Lebenslauf der Funktion führen.

Weiterführend

Eine letzte Sache. Explosionsschutz ist nicht nur eine Frage von Konstruktion und Zoneneinteilung. An dem Tag, an dem eine Mess-, Steuer- und Regelmaßnahme zur Barriere wird, die die Zündung verhindert, wechselt sie die Welt: sie wird zur Sicherheitsfunktion, mit ihrem SIL, ihrer Nachweisberechnung und ihrem Lebenszyklus. TRGS 725 und EN 50495 benennen diese Brücke nur — man muss sie noch ganz überqueren.