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KI / REGULIERUNG

KI-Regulierung & Governance

KI · REGULIERUNG

KI-Regulierung & Governance

Industrie-KI tritt in die regulierte Ära ein. Der EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689) stuft jedes System nach Risiko ein und legt datierte, bezifferte Pflichten fest; ISO/IEC 42001 liefert das Managementsystem zur Konformität. Für einen Ingenieur drei konkrete Fragen: Ist mein System "hochriskant"? Welche Pflichten, nach Artikel? Und darf KI in eine Sicherheitsfunktion?

Die maßgeblichen Texte

EU AI Act

Verordnung (EU) 2024/1689

Erster umfassender, risikobasierter Rahmen. Im ABl. am 12.07.2024 veröffentlicht, in Kraft seit 01.08.2024. Produktansatz: Pflichten bei Anbieter und Betreiber.

ISO/IEC 42001

KI-Managementsystem (AIMS)

2023 veröffentlicht, zertifizierbar. High-Level-Struktur wie ISO 9001/27001 (Kapitel 4-10) + Anhang A: 38 Controls. Das praktische "Wie" der Konformität.

ISO/IEC 23894 · 42005

Risiko & Folgenabschätzung

23894: KI-Risikomanagement, an ISO 31000 angelehnt. 42005: KI-System-Folgenabschätzung. 5338: Lebenszyklus. 22989: Referenzbegriffe.

NIST AI RMF

US-freiwilliger Rahmen

Vier Funktionen — Govern, Map, Measure, Manage. Unverbindlich, aber weit verbreitet; praktische Brücke zum EU AI Act für internationale Konzerne.

Der Anwendungszeitplan

Die Verordnung kommt nicht auf einen Schlag: Pflichten treten gestaffelt in Kraft. Das für die Industrie wichtigste Datum ist August 2027 — das der Maschinen-Sicherheitsbauteile.

DatumWas anwendbar wird
01. Aug. 2024Verordnung tritt in Kraft.
02. Feb. 2025Verbotene Praktiken gelten + KI-Kompetenzpflicht für Personal.
02. Aug. 2025Allzweck-KI (GPAI), Governance, notifizierende Behörden, Sanktionsregime.
02. Aug. 2026Allgemeine Anwendung: Hochrisikosysteme nach Anhang III + Transparenzpflichten.
02. Aug. 2027Hochrisiko-"Sicherheitsbauteil" regulierter Produkte (Anhang I: Maschinen, Medizinprodukte…).

Die Risikopyramide — wo Industrie-KI landet

StufeIndustriebeispielePflichten
InakzeptabelSocial Scoring, unterschwellige Manipulation, Emotionserkennung am Arbeitsplatz.Verboten. Emotionserkennung von Bedienern untersagt (außer Sicherheit/Medizin).
HochKI-Sicherheitsbauteil einer Maschine (Maschinen-VO 2023/1230); Betrieb kritischer Infrastruktur (Strom, Wasser, Gas).Starke Pflichten (Art. 8-15), QMS, Konformitätsbewertung, CE-Kennzeichnung, EU-DB-Registrierung.
BegrenztChatbots, Copilots, generative KI für Text/Bild.Transparenz: Nutzer über KI-Interaktion informieren, generierte Inhalte kennzeichnen.
MinimalPrädiktive Instandhaltung, Qualitätsvision, Prozessoptimierung — die meisten Industriefälle.Keine spezifische Pflicht. Gute Praxis (ISO 42001) empfohlen.

Merksatz: Die große Mehrheit industrieller Anwendungen (prädiktiv, Vision, Optimierung) ist minimal riskant. Erst KI, die auf eine Sicherheitsfunktion wirkt oder kritische Infrastruktur steuert, wird hochriskant und löst die CE-Kennzeichnung aus.

Hochrisikosystem: Pflichten, nach Artikel

ArtikelPflichtIm Klartext
Art. 9RisikomanagementKontinuierlicher Prozess über den Lebenszyklus: identifizieren, schätzen, mindern, Restrisiken akzeptabel.
Art. 10Daten & GovernanceTrainings-/Validierungs-/Testdaten relevant, repräsentativ, möglichst fehlerfrei; Bias-Erkennung und -Minderung.
Art. 11Technische DokumentationVollständige Akte (Anhang IV), die Konformität nachweist, aktuell vor Inverkehrbringen.
Art. 12ProtokollierungAutomatische Ereignisprotokollierung über die Lebensdauer für Rückverfolgbarkeit und Post-Market-Monitoring.
Art. 13TransparenzKlare Anweisungen für den Betreiber: Fähigkeiten, Grenzen, erwartete Leistung, erforderliche Aufsicht.
Art. 14Menschliche AufsichtGestaltung, die einem Menschen Verstehen, Überwachen, Eingreifen und Stoppen ermöglicht ("Stop-Button").
Art. 15Genauigkeit, Robustheit, CyberErklärtes Genauigkeitsniveau, Resilienz gegen Fehler und Angriffe (Data Poisoning, adversarial), Redundanz.

Hinzu: Qualitätsmanagementsystem (Art. 17), Konformitätsbewertung (Art. 43), EU-Erklärung und CE-Kennzeichnung (Art. 47-48), EU-DB-Registrierung (Art. 49). Betreiberseitig: anweisungskonforme Nutzung, Aufsicht, Log-Aufbewahrung und Grundrechte-Folgenabschätzung (FRIA, Art. 27) für einige.

KI & funktionale Sicherheit: die eigentliche Frage

Darf ein lernendes Modell in eine sicherheitsgerichtete Funktion (SIF)? Heute nein — nicht direkt. IEC 61508 und IEC 61511 beruhen auf Determinismus, Testabdeckung und nachweisbarer Freiheit von systematischen Fehlern — Eigenschaften, die ein trainiertes neuronales Netz nicht liefert. Bewährte Praxis hält KI aus der Sicherheitsschleife: sie berät, alarmiert, optimiert — doch das SIS, das die Notabschaltung auslöst, bleibt deterministisch, fest verdrahtet oder zertifizierte Logik, unabhängig vom Modell.

Das Thema ist nicht abgeschlossen: ISO/IEC TR 5469 ("Functional safety and AI systems") kartiert, wie und wo KI je nach Rolle eingreifen darf. Und der regulatorische Bezug ist direkt — Software, die eine Maschinen-Sicherheitsfunktion erfüllt, KI eingeschlossen, ist ein Sicherheitsbauteil nach der Maschinen-VO (EU) 2023/1230 (anwendbar 20.01.2027), was sie im EU AI Act "hochriskant" macht: doppelte Konformität.

Was in der Praxis zu tun ist

  • KI-Register führen — Inventar der eingesetzten Modelle, Nutzung, Daten, Anbieter, Risikostufe. Man steuert nur, was man kennt.
  • Jedes System einstufen — das Risiko bestimmt alles Weitere; die Einstufungsentscheidung dokumentieren (minimal / begrenzt / hoch).
  • Daten & Modelle dokumentieren — Model Cards, Datensatzblätter, Versionierung: Herkunft, Repräsentativität, Bias, Leistung und Grenzen.
  • Menschliche Aufsicht sicherstellen — ein Mensch muss verstehen, überwachen und übersteuern können. KI unterstützt, entscheidet keine Sicherheitshandlung allein.
  • Protokollieren & Post-Market überwachen — Ereignisprotokolle, Drift-Überwachung, Meldung schwerer Vorfälle: übergreifende Anforderung von EU AI Act / ISO 42001 / NIST.

ISO/IEC 42001: ein Managementsystem, kein Ordner

42001 übernimmt die High-Level-Struktur von ISO 9001 und 27001 (Kapitel 4-10: Kontext, Führung, Planung, Unterstützung, Betrieb, Bewertung, Verbesserung) und ergänzt einen Anhang A mit 38 KI-spezifischen Controls — Politik, Rollen, Ressourcen, Folgenabschätzung, Datenmanagement, Lebenszyklus, Information der interessierten Parteien, Drittanbieter. Wer bereits ein QMS oder ISMS betreibt, erkennt die PDCA-Logik. Die EU-AI-Act-Konformität liefert die rechtliche Pflicht; 42001 die auditierbare, zertifizierbare Methode dorthin — gestützt von ISO/IEC 23894 (Risiko), 42005 (Folgenabschätzung) und 5338 (Lebenszyklus).

Sanktionen

VerstoßHöchststrafe (der höhere Wert)
Verbotene Praktikenbis 35 Mio. € oder 7 % des Weltumsatzes
Verstoß gegen sonstige Pflichtenbis 15 Mio. € oder 3 %
Falsche Angaben gegenüber Behördenbis 7,5 Mio. € oder 1 %

Für KMU und Start-ups gilt der niedrigere der beiden Beträge (Festbetrag oder Prozentsatz).

Harmonisierte Normen & Konformitätsvermutung

Wie beim klassischen CE-Zeichen begründet die Einhaltung einer harmonisierten Norm eine Konformitätsvermutung mit dem EU AI Act. Das Komitee CEN-CENELEC JTC 21 erarbeitet diese Normen (im Auftrag der Kommission), stark gestützt auf die Arbeit von ISO/IEC SC 42. Für den Ingenieur ist die Strategie klar: ISO/IEC 42001 und ihre Familie heute zu befolgen, bereitet die harmonisierte Konformität von morgen vor.

Verwandte Normseiten

Siehe auch